|
Arztberichte |
|
Rheuma bei Kindern wird oft nicht erkannt |
|
|
| Prim. Univ. Prof. Dr. Wilhelm Kaulfersch |
|
|
|
„Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für viele verschiedene Gelenkerkrankungen. Da „Rheuma“ aber nach wie vor als eine Krankheit der alten Menschen gilt, werden auch im neuen Jahrtausend Kinder und Jugendliche mit dieser Erkrankung noch viel zu spät oder überhaupt falsch diagnostiziert. Es beginnen zwar die meisten rheumatischen Erkrankungen erst im Erwachsenenalter. Manche Rheumaformen sind jedoch typisch für das Kindesalter. Dazu kommt, dass etwa 5-10% aller Schulkinder irgendwann wegen Gelenksschmerzen zum Arzt kommen.
Gruppe 1: Die meisten dieser Beschwerden sind aber auf nichtentzündliche, mechanische Ursachen wie Verletzungen, Hypermobilität, Überlastung und Osteochondrosen, oder auf nicht-mechanische Ursachen wie etwa Wachstumsschmerzen, Fibromyalgie und Schmerzamplifikations-Syndrome zurückzuführen.
Gruppe 2: Die zweithäufigste Ursache für
Gelenkbeschwerden stellen dann die akuten, entzündlichen Gelenkserkrankungen
dar. Dazu gehören zum Beispiel:
1. Der Hüftschnupfen (Coxitis fugax): Dies ist die bei Kindern zwischen dem 3. und 10. Lebensjahr am häufigsten auftretende, vorübergehende Gelenkentzündung. Die Erkrankung heilt meist vollständig ohne bleibende Schäden aus, ist aber am Anfang oft schwer von ernsthafteren Erkrankungen der Hüfte zu unterscheiden und bedarf oft genauerer Untersuchungen. 2. Die reaktive Arthritis: Nach viralen oder bakteriellen Erkrankungen des Magen Darm-Traktes oder der oberen Luftwege kommt es oft nach Tagen bis Wochen zu einer sogenannten postinfektiösen oder reaktiven Arthritis. Die dabei auftretende entzündliche Schwellung und Überwärmung eines oder mehrerer Gelenke kann kurz oder langwierig verlaufen und oft auch recht schmerzhaft sein. Diese Formen heilen aber meist vollständig aus und hinterlassen keine Schäden. 3. Die Lyme-Arthritis bzw. Borrelien-Arthritis: Durch die Übertragung von Borrelien (Bakterien) mittels Zeckenbiss kann eine Entzündung eines oder mehrerer Gelenke resultieren. Nach entsprechendem Nachweis der Borrelien kann die Erkrankung wirksam mit Antibiotika behandelt werden
Gruppe 3: Die chronisch, entzündlichen Gelenkerkrankungen des Kindes- und Jugendalters stellen die „rheumatischen Erkrankungen“ im eigentlichen Sinne dar und werden heute als „Juvenile idiopathische Arthritis“ (JIA) bezeichnet. In Österreich erkranken jährlich etwa 200 bis 250 Kinder und Jugendliche an einer Form der JIA. Dzt. werden etwa 1000 Kinder und Jugendliche mit einer Form der JIA behandelt. Bei diesen Erkrankungen wird leider die Diagnose zu spät, gar nicht oder oft falsch gestellt. Entsprechend einer Untersuchung von Ivan Foeldvari im Journal of Rheumatology 2002, haben Kinder und Jugendliche mit juveniler idiopathischer Arthritis im Durchschnitt nach 4,1 Monaten ab Krankheitsbeginn einen Arzt aufgesucht, es vergingen aber im Schnitt 11,6 Monate bis sie an einem kinderrheumatologischen Zentrum vorgestellt wurden. Das ist insofern bedauerlich, da die betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht nur unnötig lange leiden mussten, und dass die Chance einer „Früherkennung“ vertan wurde. Denn je eher eine Diagnose gestellt wird, desto besser sind die Chancen die oft sehr schmerzhafte rheumatische Erkrankung mit Hilfe von Medikamenten, Physio- und Ergotherapie in den Griff zu bekommen. Obwohl diese Maßnahmen Rheuma nicht heilen können, besteht bei Erkrankungsbeginn vor dem 6. Lebensjahr eine Spontanheilungsrate von 50 – 70 Prozent innerhalb von Jahren bis zum Ende der Pubertät. Unser vorrangiges Ziel ist daher: Frühdiagnose, rascher Beginn der medikamentösen Entzündungshemmung sowie fachgerechte Physio- und Ergotherapie unter Einbeziehung der Eltern als Mitbehandler. Dadurch ist es möglich die schweren Schäden des Gelenks- und Muskelapparates, sowie anderer Organe nicht entstehen zu lassen oder zumindest aufzuhalten oder zu mildern. Zu den chronisch, entzündlichen Gelenkerkrankungen, also den juvenilen idiopathischen Arthritiden zählt man die: 1. Oligoarthritis (Anzahl der betroffenen Gelenke weniger als 5). Hier muss wegen der sehr häufigen Miterkrankung der Augen auch engmaschig der Augenarzt konsultiert werden. 2. Rheumafaktor negative Polyarthritis (Anzahl der betroffenen Gelenke mehr als 5) 3. Rheumafaktor positive Polyarthritis 4. Systemische Arthritis 5. Psoriatrische Arthritis 6. Enthesitis – assoziierte Arthritis (Spondyloarthritis) 7. Andere Arthritiden Weiters sind zu den rheumatisch entzündlichen Erkrankungen noch die verschiedenen Kollagenosen und Vaskulitiden einzubeziehen. Das rheumatische Fieber sieht man aufgrund der antibiotischen Therapie in Europa fast gar nicht mehr.
In Österreich gibt es an den meisten Kinder- und Jugendabteilungen Ambulanzen für Kinder- und Jugendrheumatologie, in denen entsprechend geschulte Kinder- und Jugendärzte sowie Physio- und Ergotherapeuten tätig sind. Desweiteren besteht eine intensive Zusammenarbeit mit Zentren im angrenzenden Ausland, an die wir auch immer wieder Rheumakinder zusammen mit ihren Eltern zur spezifischen Therapie überweisen. Valentine ist ein typisches Beispiel dafür, wie man durch Frühdiagnose, engmaschige Betreuung an der örtlichen Kinderrheumaambulanz am Klagenfurter Landeskrankenhaus und zwischenzeitigen stationären Aufenthalten an der Kinderrheumaklinik in Garmisch-Partenkirchen eine fröhliche Kindheit erleben darf.
Rheuma-Ambulanz Immunologische
LKH Klagenfurt
|